“Ich habe in so viele Abgründe gucken müssen”

By Alexis 4 months ago
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Seit langem setzt sich der Autor und Radiomoderator Jürgen Domian für eine Enttabuisierung der Selbsttötung ein. Gibt es einen Zwang zu leben, nur weil man lebt? Darf man nicht einfach lebensmüde sein? Das ist auch das Thema von Domians neuem Roman

Muss man leben, nur weil man lebt? Diese Frage hat sich Radiomoderator Jürgen Domian immer wieder gestellt, wenn in seinen WDR-Talksendungen Menschen anriefen, die einfach lebensmüde waren.

Immer wieder hätten Talkgäste diesen Wunsch geäußert, sagte Domian im Deutschlandfunk Kultur. Natürlich stecke hinter solchen Wünschen oftmals eine Depression oder andere Erkrankung. “Aber es gibt eben auch den Punkt, und an dem stand ich einige Male während der Sendung, in der Live-Situation, wo ich merkte, diese Person hat das alles wirklich klar durchdacht”, so der Radiomoderator. “Und ich kam mir dann beinah übergriffig vor, diese Person noch weiter vom Leben überzeugen zu wollen und habe dann, was sehr ungewöhnlich ist und was sicher auch polarisierend ist, gesagt, ja, wenn du das so siehst und du mit dir im Reinen bist, dann ist das dein Weg.”

In der Abgeschiedenheit kommen die Dämonen ans Licht

Nach Selbsttötung strebt auch Hansen, die Hauptfigur aus Domians gerade erschienenem Roman “Dämonen. Hansens Geschichte”. Er ist weder krank noch depressiv, sondern hat einfach genug. Sein Plan: Er will sich in einer Winternacht in Lappland nackt in den Schnee legen und sterben. Bereits im Sommer bricht er auf, um sich in Ruhe und Abgeschiedenheit vom Leben verabschieden zu können.

(Foto: imago, Cover: Gütersloher Verlagshaus)Coverabbildung: Jürgen Domian, Dämonen (Foto: imago, Cover: Gütersloher Verlagshaus)

“Ich begleite ihn dann von Juni bis Dezember und begleite ihn auch dabei, wie er gegen die Dämonen seines Lebens zu kämpfen hat: die Dämonen des Bösen, der Schuld, der Versuchung, der Trägheit und so weiter.” Denn all das komme an die Oberfläche, wenn man allein sei:

“Wenn man überhaupt nicht abgelenkt ist, so wie wir hier alle in unserem Alltag ständig abgelenkt werden, bricht alles aus einem hervor, aber wirklich alles: All die Verletzungen, die man erlebt hat, aber auch all das, was man anderen Menschen angetan hat, und man hat es vor Augen, vor den inneren Augen und muss sich damit auseinandersetzen.”

Wo die Parallelen zwischen Domian und seiner Hauptfigur enden

Wie seine Hauptfigur fährt auch Domian gern und oft in den hohen Norden, er hat seinem Helden sein Alter und sogar seinen Geburtstag verpasst. Muss man sich jetzt Sorgen um ihn machen? Nein, meint Domian. Er habe durchaus vor, seinen 60. Geburtstag zu überleben. “Wobei ich schon natürlich zugeben muss, dass gravierende Erfahrungen, die ich in Lappland in den letzten Jahren gesammelt habe – ich reise sehr gerne und sehr oft dorthin –, natürlich in das Buch miteinfließen”, sagt er. “Ich mache das auch immer so, dass ich mich zurückziehe tief in die Wildnis, miete mir irgendwo eine Hütte und bin dann mehrere Wochen ganz allein, aber wirklich ganz allein, ich schweige, kein Handy, kein Internet, gar nichts, ich schlafe und wandere –, und das sind am Anfang immer sehr schwere Zeiten.”

 

Source : http://www.deutschlandfunkkultur.de/juergen-domian-daemonen-hansens-geschichte-ich-habe-in-so.1008.de.html?dram:article_id=399422

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